Lersch, Heinrich, Schriftsteller (1889-1936).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift "Dein Bruder Hein". , Ohne Ort und Jahr (ca. 1919), Gr.-4°. 4 Seiten.

Nicht vorrätig

Beschreibung

An seinen Freund und Schriftstellerkollegen Max Barthel (1893-1975) in Berlin: „Lieber Max, ich könnte menschlich leben, schreiben, auch am Tag! Könnte frei sein! Könnte Kommunismus aufbauen! Würde mit der ganzen Arbeiterschaft in Gladbach auch Feierabend in der Werkhalle, unsere Festhalle! Meetings machen! Es ist toll, was würden wir den ersten Mai feiern! (Nebenbei: ich rede bei den Kommunisten zur Eröffnung der Maifeier! Vielleicht kommt Klara Zetkin zu uns, sie ist gebeten. Besser noch, Du kämst! […] Also Utopia, Dich bau ich aus: von dem Sündensold, der sonst dem Ausbeuter zuflösse, aus dem Mehrwert bauen wir eine Siedlung auf der ‚Landwehr‘ wo ich geboren bin. Frei, den Rücken an den großen Wald gelehnt. Die Stadt in der Dunstferne. Die Siedlung bewohnen nur Kesselschmiede mit ihren Familien. Utopia!! Utopia! […] ich glaube ganz une[h]rfürchtig, daß ein tapfrer Rebell, der ein Kerl ist, mindestens so gut sein kann wie der Revolutionär, der ohne Waffe ist. Also ich habe eine Waffe. Das ist: Mann! Das ist mein Buch. Ich habs zur Bombe gestaltet, zum Nitrin, zum Flammenwerfer! Ach, was ist es für ein Buch! […] Höre, vor kurzen haben wir: Kessel für Sowjet Rußland gemacht. Öltransportkessel für die Eisenbahn. 6 m lang, 1900 [Durchmesser], 3000 kg. schwer. Mann! die Freude! Kessel für Sowjet-Rußland! Ich schreibe ein Band Gesänge mit diesem Titel! Wir hätten gerne nichts anderes gemacht. Da wir aber ‚Heimarbeiter‘ für die Unternehmer sind, bekamen wir nur den Ausbeuter-Lohn dafür […] Gestern Nacht haben wir eine elektrische Schweißanlage zusammengeklopft. Ich sah einen Gießbach im Ural, eine Turbine trieb ein Dynamo – Du standest, hieltest zehn Finger ausgestreckt und sendet her über Rußland den Strom – ich stand da, zehn Finger Dir nach Osten entgegengestreckt – und nehm die Energie auf – und die Motoren liefen … Lieber Max, nun weißt Du mehr von mir, als tausend Werke sagen: Kessel für Sowjet Rußland! […] Denke Dir, Heinrich Lersch, auf den in Gladbach 25- 30000 Proletarier hoffen, im Rheinland Millionen – in Deutschland auch noch etliche – er könnte mit Lachen die freie Wahrheit predigen! Kessel! für S. R. Aus der Eule des Kapitals die Lerche des Proletariats […]“ – Lersch leitete bis 1924 die Kesselschmiede seines Vaters. – Randeinrisse. – Volltranskription auf Wunsch verfügbar.