Mendelsohn, Erich, Architekt (1887-1953).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift Berlin-Charlottenburg, 22. VIII. 1924, Gr.-4°. 2 Seiten.

Nicht vorrätig

Beschreibung

An den Architekturzeichner, Maler und Dichter Hermann Finsterlin (1887-1973) in Stuttgart: “[…] Lieber, Sie wissen, wie sehr verschieden der Tanzplatz unserer Raumstifte ist. Wenn wir uns dennoch im parallel Unendlichen treffen, so liegt das, scheint mir, daran, daß wir beide auf derselben Kugelerde sind. Denn nur durch sie, durch ihre realen Voraussetzungen können wir uns verständigen. Wollten wir Anderes, so rutschten wir beide ab und müßten zeitlebens einen Wettrutsch machen, um uns zu treffen. Sehen Sie! Sie schreiben: Casa nova [Buch von Finsterlin, 1924]: ‘denn Statik ist nur eine Fermate im Formenklangflusse des Dynamischen.’ Ich sagte im letzten Vortrag: ‘Die Einzelkraft ist stets statisch, das Kräftespiel aber stets dynamisch.’ Sie sagen S. 20 Wendungen: Haus der Besinnlichkeit, der Gedankenruhe in Mondstein! Ich sage: Kuppelraum in Eisenbeton! Das genügt. Sie schaffen für Menschen, die nicht da sind, ich für meine unmittelbare Umwelt. Beide gelten wir für verrückt. Da bleibt uns Beiden nur die Erdbefreiung, die Loslösung von der Erde. Sie entäußern sich und versuchen die Erde zu übersteigen. Ich materialisiere mich und reise nach – Amerika. Sie gehen letzten Endes in Luft auf, ich renne mir bestenfalls den Schädel ein. Jedenfalls krepieren wir Beide. Ob auf der Erde oder im Kosmos bleibt sich gleich. Sie werden kompliziert eingehen, ich sehr einfach. Daß wir dennoch Beide bestehen, nebeneinander, miteinander, ist ja die Tragikomik des Lebens – ist aber gleichzeitig ihr Wunder. Da ich es als Mensch, erdgebunden, nicht enträtseln kann, werfe ich mich liebend in schöne Arme. Sie verschmähen die Lust, indem Sie mit ihr eingeschlechtlich werden. Beides ist tragisch – aber Beides ist Leben – beides ist von dieser Welt. Das kann auch Ihnen nicht leid sein. Deshalb fort mit Maske und Zauberwort. Auch das Wunder ist einfach, zu einfach, um entzaubert zu werden. – Also ich fahre wirklich, am 2. X. ab Hamburg bis nach dem stillen Ocean – Californien. Ein guter Geist will, daß ich mich ‘vervollkomne’. Wünschen Sie nun, ob ich Ihnen einen Wunderwagen mitbringen soll oder einen – Ford! […]”