Richter, Hans, Dirigent (1843-1916).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift Ohne Ort (Tribschen bei Luzern), 16. I. 1871, Gr.-8°. 4 Seiten. Doppelblatt.

Nicht vorrätig

Beschreibung

An einen Freund in Budapest: “[…] Meister Liszt kündigte mir in seinem überaus wohlwollenden und freundlichen Brief ein Schreiben des Intendanten Orazy an […] Was Du mir über die Zustände in Pest berichtet hast, war mir eigentlich nicht unerwartet. Überall ist die Mittelmäßigkeit oben an; da heißt denn arbeiten und kämpfen, dass unsere große Sache, überhaupt das Ausgezeichnete die Oberhand bekommt […] Was mich aber mit einigem Muth erfüllt, ist die gute Meinung, die ich von dem Charakter und der noblen Gesinnung meiner Landsleute habe. So weit meine Erfahrung reicht, ist mir ein so gemeines Gebahren, als es noch in den meisten deutschen Orten und besonders in deutschen Zeitungen gegen unsere verehrten Meister stattfindet – in Ungarns noch nicht bekannt geworden […] Überall ist’s gut, wo noch diese Mendelssohn- und Schumannclique nicht den Geschmack verwirrt und verdorben hat […] Ein Blick auf unsere Hoftheater genügt, um mir ganz Recht zu geben. Sieh’ Dir nur das Repertoire dieser sogenannten Kunstanstalten an! – Während die ‘Meistersinger’ – dieses urdeutsche Nationalkunstwerk – mit Hängen und Würgen an einigen ersten deutschen Bühnen hin und wieder vor das Lampenlicht geschleppt werden […] während diesem deutschen Jammer kauft die kleine Hofbühne in Kopenhagen die ‘Meistersinger’ an, und sie sind schon in voller Vorbereitung. Aber der käme schön an, der an diesen ehrwürdigen Lumpereien rütteln wollte! – Das haben wir ja so recht deutlich in München gesehen. Der größte Teil des Publikums ist froh, dass Bülow fort ist, und ein Stümper an der Spitze der musikalischen Zustände steht. Zu Bülow mussten sie hoch hinauf blicken: der Wüllner steht aber so recht in ihrer Mitte […] Ich freue mich schon darauf, mit Dir den Siegfried durchzunehmen: da giebt’s wieder Dinge zum Anbeten! […] Wir haben hier auf Tribschen ein ganz vortreffliches Quartett beisammen: alle Wochen kommen nämlich 3 Musiker aus Zürich, sehr tüchtige junge Leute, die es sich natürlich zum größten Glück schätzen, und das spielen wir Beethoven’sche Quartetten, unter der Anleitung des Meisters. Ja, da bekommt das Ding ein anderes Aussehen! – Ich spiele die Bratsche [es folgen zwei Notenbeispiele mit Quartettanfängen] Es ist ganz herrlich. Vom Meister und der Fr. Meisterin soll ich Dich bestens grüßen.” – Hans Richter stammte aus Raab in Ungarn. Auf Wagners Empfehlung kam er 1867 als Chordirektor an die Hofoper in München, wo er 1868/69 Kapellmeister unter Hans von Bülow war. Richter weilte vom 26. Juni 1870 bis zum 15. April 1871 in Tribschen, wo er den “Siegfried” kopierte. 1871 wechselte er als Chefdirigent an das Nationaltheater in Pest und war 1875-99 Kapellmeister an der Hofoper in Wien. – Kleine Randeinrisse und Eckfehlstellen.