Schmitt, Carl, Staatsrechtler und Philosoph (1888-1985).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift "Carl Schmitt". Plettenberg, 30. XII. 1974, Fol. 3 Seiten.

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Beschreibung

An Julien Freund, in Deutsch mit französischen Einschüben, über Ernst Jünger, dessen Ehefrauen und die Arbeit an einem Artikel über François Perroux: “[…] Ich füge Ihnen einen Abdruck einer ‘Silhouette’ bei, die die verstorbene Frau Gretha Jünger (geborene von Jeinsen) 1955 geschrieben hat. Zeigen Sie bitte Ihrer Frau dieses – wie ich glaube seltene – Dokument einer Äusserung von einer Frau über die Frau eines Freundes. Ernst Jünger hat mich im letzten Sommer hier in San Casciano besucht, mit seiner zweiten Frau und dem Sohn aus erster Ehe, meinem Patenkind […]. Ich befinde mich in einem entsetzlichen Termin-Stress: am 15. Januar soll ich das korrigierte Manuskript meines Beitrages zu dem François-Perroux-Cahier des Institut de Sciences Mathématiques et Économiques appliquées (Collège de France) zurückschicken. Es sind 20 Maschinen-Seiten. Die französische Übersetzung […] scheint mir sehr revisionsbedürftig. Auch habe ich einige handschriftliche Zusätze gemacht […]. In meiner Not habe ich [Piet] Tommissen gebeten, das von mir korrigierte Manuskript zu lesen und dort (in Brüssel) abschreiben zu lassen, um es druckreif zu machen […]. Heute verlangen die deutschen Verleger absolut druckreife Manuskripte. Die Drucker (Setzer) strengen sich nicht mehr an. Alles muss mit Computer-Exaktheit funktionieren […]”. – Mit keinem anderen Briefpartner führte Carl Schmitt einen derart langen und intensiven Briefwechsel wie mit Julien Freund (1921-1993). Er sah in dem französischen Politikwissenschaftler seinen genialen Fortsetzer, beide verband eine enge Freundschaft. – Die erwähnten “Silhouetten” von Gretha Jünger erschienen 1955 im Neske-Verlag, Pfullingen. Laut Piet Tommissen erhielt dieser nicht die in Paris hergestellte Übersetzung des Perroux-Beitrages, sondern das deutsche Original mit Carl Schmitts Ergänzungen. – Abgedruckt und kommentiert von Piet Tommissen in “Schmittiana VIII”, Berlin 2003, Nr. 68, S. 72 ff.; ders. zum Verhältnis Carl Schmitt – Julien Freund in: Kraus, Souveränitätsprobleme der Neuzeit. Berlin 2010, S. 9ff. – Schmitt ist der wohl umstrittenste deutsche Staatsrechtler des 20. Jahrhunderts. Seine antiparlamentarischen Theorien erlebten in den sechziger Jahren eine europaweite Renaissance durch Extremisten von Rechts und Links.