Schweitzer, Albert, Mediziner und Nobelpreisträger (1875-1965).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift Lambarene, 19. XII. 1962, Gr.-4°. 1 1/4 Seiten. Luftpostpapier. Mit eigenhändigen Umschlag.

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Beschreibung

An Alexander Dées de Sterio: “[…] Ich danke Ihnen herzlich für die Zusendung Ihres Buches ‘Nobelpreisträger in Lindau’. Ja, einmal war ich dort und habe die Tage herzlich genossen. Was ich für eine Dummheit auf dem Bilde von mir gebe, dass alle Leute lachen, weiss ich nicht mehr. Vergebens quäle ich mein Gedächtnis. Ich war sehr beeindruckt von den vielen und grossen Berühmtheiten. Am Abend spielte ich dann [mit] Heisenberg und anderen auf der Orgel einer der Kirchen. Heisenberg spielt sehr [gut] Orgel. Wie gerne wäre ich noch einmal nach Lindau gekommen. Jedes Jahr, wenn die Zeit da ist, überkommt mich eine Sehnsucht. Aber sie kann [sich] nicht mehr erfüllen. Ich finde nicht mehr die Zeit zum Reisen. Meine Arbeit ist hier zu gross und so vielfältig, dass ich sie nicht verlassen kann. Das Spital ist viel größer geworden als ich es geplant hatte. Wir sind jetzt 6 Ärzte und 15 europäische Pflegerinnen. Wir [haben] Platz für mehr als 450 Kranke. Da aber die Zahl der Kranken immer grösser wird, müssen jedes Jahr 2 oder 3 Häuser zu den bestehenden hinzukommen. Und Architekt dieser Gebäude und Baumeister bin ich. Und mit Schwarzen zu bauen ist nicht leicht. Sie schleichen sich von der Arbeit fort, und dann steht man allein auf weiter Flur. Die Leitung des grossen Spitals macht mir Arbeit. Und immer noch will ich mit dem Hirn und der Feder schaffen. Da muss ich aufs Reisen verzichten. Seit vier Jahren bin ich nicht mehr in Europa gewesen und weiss nicht, wann ich wieder hinkomme. Aber ich muß mich ja begnadet fühlen daß ich in meinem Alter (nächstens 89 Jahre) noch meine Arbeit tun kann, auch mit dem Gehirn und der Feder. Aber jedesmal, wenn die Zeit da ist, bin ich in Gedanken in Lindau […] In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich mit Art wie kleine Negerchenjournalisten leider mit mir umgehen. Das macht mir gar nichts. Alles was man gegen mich redet und schreibt fließt an mir ab wie Wasser an der Gans. Ich finde es nur drollig, dass die europäischen Zeitungen sich mit diesen blöden Zeitungsnegerchen beschäftigen und ihr Geschmiere ernst nehmen und verbreiten.” – 1953 wurde Schweitzer in Abwesenheit der Friedensnobelpreis für das Jahr 1952 verliehen. – Wohlerhalten.