Thoma, Ludwig, Schriftsteller (1867-1921).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift Grybow-Gorlice, 7. V. 1915, 8°. 6 Seiten. Mit eigenhändigen Umschlag. Bleistift.

Nicht vorrätig

Beschreibung

Ausführlicher Kriegsbericht über die Durchbruchsschlacht von Gorlice-Tarnów (1. bis 3. Mai 1915) an den Verleger der Zeitschrift “Die Jugend”, Dr. Georg Hirth (1841-1916): “[…] Seit 26 April bin ich in Westgalizien; am 22 verließen wir Frankreich, in den Zug verladen wie Kaibln, unwissend wohin. Die Fahrt ging über Lüttich – Aachen – Münster – Hamburg – Berlin – Breslau – Kattowitz – Krakau – Bochnia. Hier sah ich nun den Aufmarsch der Armeen, selbst ein bescheidenstes Glied davon, & am 2ten Mai erlebte ich den herrlichen Sieg bei Gorlice mit. Früh 1/2 5 Uhr waren wir auf dem Verbandplatz, gegen 6 Uhr brummten die Kanonen, von 8-10 Uhr war das Feuer am stärksten. Viel schwere deutsche Artillerie, 21er, 15er Mörser, aber auch österr. 30,5er spielten mit. Das feuerte Alles in den Thalkessel Gorlice-Sekowa hinein, der wie eine Arena sich zu meinen Füßen ausbreitete. Wir sahen die Granaten einschlagen, ungeheure Dreckfontänen in die Höhe schleudernd; Gorlice brennt, 2 Naphtaquellen brennen & ihr schwarzer Rauch zieht über das Schlachtfeld; in das Schwarz hinein mischen sich grell weiße Wolken, russische Schrapnells, hier, dort, an zwanzig Stellen blitzt das Feuer russ. Kanonen auf, blutrot glühen in Brand geschossene Häuser durch den Dunst – ein altes Schlachtenbild. Gar nichts von der oft genannten Lehre. Um 12 Uhr war so ziemlich alles vorbei. Wie Donnerschläge eines abziehenden Gewitters krachten noch die Schüsse unserer 21er, die neben mir feuerten. Gegen 2 Uhr kamen die ersten Verwundeten, & kam die Arbeit, die Tag und Nacht und wieder Tag und Nacht andauerte. Gegen 3 Uhr trieben Ulanen die erstem Gefangenenkolonnen vorbei. Kräftige Gestalten in genial erdfarbenen Mänteln, aber diese Gesichter! Rohheit, Dummheit darin abstoßend ausgeprägt. Merkwürdig, wie sie alle nach Petroleum riechen. Ein penetranter Gestank, der sich auf 30 Schritte bemerklich macht. Ein malerisches Bild, wie hinter den gesunden Gefangenen 3-4 Gruppen heranschwankten. Immer vier Russen, die auf angebrannten Fensterläden schwerverwundete Landsleute trugen. Das war ein Leben auf der Straße nach Gorlice! Und dann Gorlice selbst voll von gefallenen Russen, die Schützengräben davor von unsern Granaten eingeschüttet. Ich werde die Bilder nie vergessen. Unsere Bayern haben sich bei Sekowa wieder einmal großartig bewährt. Auf 1600 Meter liefen sie stürmend die in Felsen eingebauten Stellungen der Russen an. Oft waren diese als uneinnehmbar bezeichnet worden, aber unsere Leute nahmen sie in einer Stunde & da lernten die Russen kennen, was die Franzosen schon wissen, was bayrische Hiebe sind. Es ist rührend & wieder belustigend, mit welchem Stolz die Andren Deutschen von dem bayrischen Kraftmaierthum reden. Ein wenig Jägerlatein gibt Jeder dazu. Leb also wohl, lieber Schorsch, & glaube, daß es unheimlich vorwärts geht […] Den Brief besorgt ein Mann, der heimkehrt.” – Für einen konzentrierten Vorstoß bei Gorlice-Tarnów wurden die 11. deutsche und die 4. österreich-ungarische Armee unter dem Befehl von Generaloberst August von Mackensen zusammengefaßt. Damit standen den über 350.000 Soldaten der Mittelmächte bei Gorlice nur 220.000 Russen gegenüber. Die Übermacht der Artillerie war erdrückend. Am 1. Mai 1915 begann nach mehrstündigem Artilleriefeuer der Angriff. Auf 16 Kilometern Breite gelang den deutschen und österreich-ungarischen Truppen ein Vorstoß von 4 Kilometern Tiefe durch die russischen Stellungen. Nach drei Tagen erreichte die vorrückende Infanterie das befestigte Verteidigungssystem der Russen und zwang sie zu einem Rückzug auf breiter Front. Dieser erste große strategische Durchbruch gegen ein befestigtes Grabensystem im Ersten Weltkrieg ermöglichte den Mittelmächten in den folgenden Wochen, die russische Linie etwa 100 Kilometer zurückzuwerfen und am 22. Juni 1915 Lemberg (heute: Lwiw, Ukraine) zu erobern.