Toller, Ernst, Schriftsteller und Revolutionär (1893-1939).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift Kampen auf Sylt, 15. VII. 1927, Gr.-4°. 4 Seiten auf 2 Blättern.

Nicht vorrätig

Beschreibung

An Maximilian Harden mit Erwähnung eines Briefes von Erwin Piscator: “[…] Ich habe mich so über Ihr Teilnehmen gefreut, wie sorgfältig haben Sie das Manuskript gelesen. Die beiden Aufsätze schicke ich mit gleicher Post zurück. Die Presse-Hetze nach der Poincaré-Rede war typisch. Die Verantwortungslosigkeit dieser Journaille ist nicht zu überbieten. Jeder kleine Diebstahl, der einen Menschen geringfügig oder gar nicht schädigt, wird mit Gefängnis bestraft, die Journaille, die im Handumdrehen unermesslichen Schaden ‘an Leib und Seele’ anrichten, brüstet sich in Staats- und Volkes-Obhut, und wehe dem, der gegen die Palisaden ihrer ‘Berufsehre’ sich vorwagt. Stresemann aus der […] Feier zu Ehren der Russischen Revolution gleichsam herauszuschälen und sein Bild von dorther zu fixieren, ist ein prachtvoller Gedanke […] Nordsee und Luft und Dünen sind herrlich. Jedoch, würde mein Pickel [aus: ‘Hoppla, wir leben’] sagen, die Menschen stören die Atmosphere. Kriegsflaggen und Kreuzflaggen bekrönten das Meer, selbst die Quallen ziehen sich furchtsam zurück, mit Hängebauch und Steifgenick promenieren die künftigen Helden Walhalls, züchtig bekleidet (denn sie habens nötig) am Strande, und daß teutsche Frauen über alles in der Welt gehen, wollen selbst die augenlosen Seetierchen nicht glauben, Venus ist nicht die Schwester dieser verquollenen armen Gestalten. Die sozusagen neutrale Note geben unsere republikanischen Streiter. Sie flaggen beileibe nicht schwarzrotgold, man will sich doch nicht gesellschaftsunmöglich machen! So hissen sie denn Flaggen irgendwelcher Städte und Provinzen, harmlose in nichts herausfordernde kolorierte Tücher – einerseits sich vom monarchistischen Rummel distanzierend, andererseits gefällig und unauffällig zum Rückzug bereit […]” – Mit Tollers Geschichtsrevue “Hoppla, wir leben!” eröffnete 1927 die Piscator-Bühne im Berliner Theater am Nollendorfplatz, die zum Inbegriff des Avantgardetheaters der 1920er Jahre wurde.