Wagner, Adolf, Nationalökonom (1835-1917).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift Berlin, 19. I. 1908, Gr.-8°. 4 Seiten. Doppelblatt.

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Beschreibung

An den Wirtschaftswissenschaftler und Politiker Gerhart von Schulze-Gaevernitz (1864-1943) über die Besetzung eines Lehrstuhls:”[…] Es wird mir neben der Alltags- und Amtsarbeit immer schwerer alles rasch zu erledigen. Letzter Tage häufen sich die Sachen. So komme ich erst heute zur Antwort auf Ihren Brief. Als [Ladislaus von] Bortkiewicz [Ökonom; 1868-1931] vor Jahren hierher berufen wurde, infolge großer persönlicher Tüchtigkeit von verschiedenen Seiten, war ich gerade wegen seiner russ.-poln. Nationalität ein Gegner davon auch im Gedenken, wir brauchten im großen deutschen Gebiet, innerhalb und ausserhalb des Reichs keinen Ausländer. Berlin und Frankfurt wäre für uns wirksamer […] Ich habe diese, meine Haltung nicht verhehlt. Ich habe ihn aber im Laufe der Zeit für seine Spezialität und für anderes darüber hinaus immer mehr schätzen lernen. In seiner großen Materie, der theoretischen Nationalökonomie und der Theorie des Sozialismus, worüber er […] mancherlei geschrieben hat. Als eigentlichen Nationalökonomen möchte ich ihn gleichwohl nur bedingt bezeichnen […] Über seine Lehrtätigkeit bin ich nicht näher unterrichtet. Aber das, was ich hörte ist günstig, besonders auch betreffs des Seminars. Auch persönlich habe ich von Anfang an und im gesteigerten Maß einen guten Eindruck von ihm, ohne daß er mir persönlich näher steht. Wie er in nationalen Fragen steht, weiß ich nicht aus persönlicher Erfahrung u. erinnere mich auch nicht, davon gehört zu haben […] Ich glaube vernommen zu haben, er dachte […] wieder nach Rußland zurückzukehren. Bei einem reinen Statistiker zumal seiner Richtung, würde ich an seiner persönlichen Nationalität kaum Anstoß nehmen. Aber bei einem Nationalökonomen liegen die Sachen doch anders. Gerade als Nationalökonom muß er mehr auch fachwissenschaftlich heraustreten [… Heinrich] Dietzel [1857-1935] ist mein mir nächst stehender spezieller Schüler, wenn er auch in einigen practischen Fragen, Handeln, Gewerbepolitik ganz anders steht. Können Sie ihn gewinnen, wenn er wirklich Bonn verlassen sollte, so kommt er wohl in erster Linie namentlich für theoretische Nationalökonomie in betracht. Dietzel ist ein tüchtiger Fachmann, ein guter Dozent, Oldenburg bes. ersteres auch. Bei neueren Berufungen […] sind diese gegen andere unverdientermaßen zurückgestellt in und außerhalb Deutschlands. Hat man bei Ihnen nicht auch an Ehrenberg gedacht? Er wurde auch ungerecht öfters übergangen. Dank auch für Ihren Hilfeartikel, der jetzt durch die Zeitungen ging. Ich kann meinerseits das Vorgehen gegen die Polen bei uns doch nicht ganz ohne Bedenken mit machen. Ich denke an die Deutschen in den baltischen Provinzen, in Ungarn etc. […]” – Wagner, einer der bedeutendsten Ökonomen der Bismarck-Ära, lehrte an den Universitäten Dorpat, Freiburg im Breisgau und (ab 1870) Berlin. Reichskanzler Bernhard von Bülow bediente sich des Rates von Wagner in der Bankenkommission und nutzte auch dessen Lehren zum Steuer- und Zollwesen. – Interlineare Bleistift-Eintragungen des Empfängers.