Weinheber, Josef, Schriftsteller (1892-1945).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift Neulengbach, 19. II. 1943, Gr.-8° und 8°. 2 Seiten auf 2 Blättern.

Nicht vorrätig

Beschreibung

An Herbert G. Göpfert, eng beschriftet, auf der Rückseite eines Briefes von Göpfert an Weinheber sowie auf einem Kalenderblatt: “[…] vor allem entschuldige, daß ich Dein Schreiben zur Antwort benutze. Ich sitze hier in Neulengbach und warte auf meinen Zug nach Hause. So kann ich die Zeit nutzen, in dem ich Dir sofort antworte! Es freut mich ganz egoistisch daß Du wieder, und hoffentlich nicht zu kurze Zeit, im Verlag tätig bist. Seit [Korfiz] Holms Krankheit und Tod wußte ich ja nicht mehr recht, an wen ich mich wenden sollte. Nun sind Schlag auf Schlag so einschneidende Veränderungen im Verlag vorgefallen, daß ich Scheu hatte, irgendetwas zu unternehmen. Hier (d. h. in Wien), hörte ich die verschiedensten Versionen über das Schicksal des Verlags. Ich möchte nun doch endlich aus berufenem Mund hören, woran ich mich zu halten habe. Bin ich der Unterstützung des Verlages so wie bisher sicher? An Ziegler habe ich die Auswahl nicht mehr geschickt, weil ich gehört hatte, er sei nur ein Übergang, jetzt, wo Du da bist, werde ich die Auswahl natürlich sofort treffen, wobei ich auf Deine mir so wertvolle Mitarbeit rechne. Dass ich Kritik vertrage, weißt Du. Ich stelle mir ein Buch vor von zehn Bogen, 160 Seiten, magere kleine Antiqua, hintereinander gedruckt, nichts Rhetorisch-philosophisch-Heroisches, sondern edelste, schönste Lyrik. Schon natürlich Denkerisches und Willentliches auch, aber nur, insoferne es zugleich Musik, Rhythmus, Melos – also Kunst ist. Man kann da wohl an die 200 Gedichte (oder mehr) unterbringen. Dich wird das Schicksal meines Sprachbuches, an dem ich nun drei Jahre arbeite, sicherlich interessieren. Ich komme allmählich zu einer Überschau. Es handelt sich um zwei Bücher. Erstens ‘Hier ist das Wort’, eine Apotheose des dichterischen Wortes, eine poetische Poetik! Ihr Untertitel: Hier ist das Wort (Einleitung), Die Form, die Gestalt, das Melos, der Reim, der Rhythmus, das Bekenntnis, die Formen, Übersetzungen. Die Form und die Gestalt sind noch nicht vollendet. Das Melos verlangt nach abschließender Fülle. In bezug auf die Form ist insbesondere das dem japanischen Gedicht Nachempfundene noch ausständig. Der italienische Melos (Belkanto) bedarf gleichfalls noch der Rundung. – Das zweite Büchlein, ‘Glossen zur Sprache’ ist im Großen und Ganzen fertig, kann aber nur zugleich mit ‘Hier ist das Wort’ erscheinen. Es wird dich interessieren, daß ich mich stark mit der japanischen Lyrik beschäftige. Sie ist noch radikaler als die chinesische. Meine ‘Nachempfindungen’ sollen davon einen, dem europäischen Kunstempfinden angemessenen Begriff geben. Ich übersetze nicht: ich versuche japanisch zu dichten, mich eben der jap. Form zu vergewissern. Dieses ist sehr schwer, aber wenn es halbwegs gelingt, bestimmt ein Zuwachs. Ich wollte mich ursprünglich bloss auf abendländische Formen beschränken. Aber das Problem des japanischen Gedichtes ist mir geradezu vom Schicksal in die Hände gespielt worden. Auf dem Gebiet der abendländischen Lyrik (antiker Vers (Satz) und Reimgedicht (Wort) habe ich kaum mehr die Möglichkeit Neues und Entscheidendes zu sagen. In einem breiteren Sinn, als das bei Rilke, der Französisch zu dichten versuchte, nachdem er für seine Person erschöpfend, das deutsche abgeschritten hatte, versuche ich es nun, nicht mit einer anderen Sprache in meiner Disziplin, sondern mit einer anderen (diametralen) Welt. Du weißt wohl (und Dir kann ich es sagen), daß ich mich immer kreuz und quer mit der Sprache (Sprache als absolutum) herumgeschlagen habe. Ich muß also, wenn ich mich nicht wiederholen will, aus der eigenen Sprache heraus, um sie, auf einem Umweg, zu erheben, schöner zu heiligen. Das ist eine fanatische Angelegenheit. Und glaube Du mir nicht, es sei mir deshalb um das japanische Tanke oder Haiku zu tun, weil die Japaner unsere militärischen Bündnisgenossen sind. Nein: Das japanische Haiku ist die lyrische Konzentration. Ihm fehlt alles Randgebiet. Wir Deutsche im besonderen haben nur im Gedicht mit den Randgebieten (Rhetorischen, Philosophischen, Propagandistisch-didaktischen) zu beruhigen verstanden. Da ist endlich ein Gegengewicht (und ein so schweres, wie es der Flug eines Schmetterlings, der Schatten eines Vogels über dem See, der Hauch der Kirschblüte eben nur sein kann). Weil dort das Wesentliche der Natur in seine souveräne Erscheinung tritt […]”