Zuckmayer, Carl, Schriftsteller (1896-1977).

Maschinengeschriebener Brief mit Eigenhändigen Korrekturen und Unterschrift (Kugelschreiber). Chardonne, 22. II. 1955, 4°. 2 Seiten.

Nicht vorrätig

Beschreibung

Im Schillerjahr 1955 an den Journalisten Georg Böse (1902-1974) in Stuttgart mit Dank für einen Brief zum Tod von Zuckmayers Mutter: “[…] Vor einer Woche erst habe ich mein neues Stueck vollendet, und wenn Sie es kennen lernen, werden Sie verstehen, dass ich dazu ein Jahr konzentriertester und gewissenhaftester Arbeit brauchte. Nun erheben sich wie in einem Zeitrafffilm ploetzlich Berge vor mir, wachsend ohne Widerstand um den Gegenstand unseres Missvergnuegens zu zitieren, Berge unerledigter Post, ungeahnter Verpflichtungen usw. die vom privatesten bis zum offizioesesten gehn und am 24. Maerz geht unser Schiff nach USA. Von wo ich naemlich spaetestens Ende August nach Erwerbung eines neuen Passes und Vorbereitung der dort wohl faelligen Auffuehrung zurueckkommen moechte. Wie geht da der Schiller und die vierte Seite hinein? […] es handelt sich um ganz was anderes: um die (heutige, neu nachzuprüfende) Beziehung zum Werk Schillers. Grade verbrachte ich einen Abend mit Carl Burkhart, der seinerseits ganz verzwazzelt war, dass er eine Schiller-Rede fuer Berlin uebernommen hat und sich in der gleichen Lage fuehlt, – er sagte: ich muss Schiller ganz neu lesen und zwar die verschiedensten Werke aus seinen verschiedensten Lebenszeiten und Schaffensdisziplinen. Genau so geht es mir […] Mein Verhaeltnis zu Schiller ist ganz problematisch. Ich empfinde – aehnlich geht es Burkhart – einen profunden Widerstand gegen das Moralistisch-Zeitgebundene an ihm, gegen seinen ‘aktivistischen Idealismus’, den und dessen moegliche Konsequenzen wir ja heute mit ganz anderen Augen sehen als in unsrer Jugend, naemlich mit denen einer bitteren Erfahrung und einer voellig erneuerten, aus einer neuen Schau gewonnenen Beziehung zu Physik und Metaphysik, Politik und Metapolitik, Geschichtsphilosophie und Religiositaet. Gleichzeitig bleibt meine ‘professionelle’ Bewunderung vor dem Instinktdramatiker, dem tollen Theatraliker, dem grandiosen Buehnenerstuermer und -beherrscher, dem genialischen Wildwuchs der ‘Raeuber’ und dem daemonischen Seelenlabyrinth der ‘Kabale’ und den schneidend scharfen Profilierungen der ‘Maria Stuart’ und dem souveraenen Pathos der haftenden Antithetik des ‘Carlos’ und ueber allem der Meisterbau der problematischen Menschlichkeit des ‘Wallenstein’. Aber hinter all dem steht der Geschichtsphilosoph, der Ethiker, der gewalttaetige Denker, der thesengewaltige Schulmeister, das Postulat des Ideologen. Und damit haette ich mich ganz neu ausseinanderzusetzen. Das schaffe ich nicht in der kurzen Frist […] ich bemerke eben, dass hier zum mindesten Stichworte ganz von selber entstanden und fixiert sind, die mir zu einer vielleicht doch moeglichen Arbeit als Richtlinien enorm behilflich sein koennten. Wollen Sie mir den Gefallen tun, diesen Brief abschreiben und mir die Abschrift zusenden zu lassen? Wenn ich was zusammenschillere, dann kriegt das die ‘Deutsche Zeitung’ […] Zehn Tage Ozeanfahrt – ich habe extra ein langsames Schiff gewaehlt um ein bischen auszuschnaufen aber es haengt vom Wetter ab. Ich werd zwar nicht seekrank aber bei Sturm- und Schaukelwetter verbloede ich und schlafe meistens […]” – Böse war 1948-1956 Feuilletonleiter bei der “Deutschen Zeitung und Wirtschaftszeitung”, anschließend bei der “Stuttgarter Zeitung” Leiter der wissenschaftlichen Beilage und Kritiker. – Oberrand fleckig. Kleine Randeinrisse.