Birch-Pfeiffer, Charlotte, Schauspielerin und Schriftstellerin (1800-1868).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift Berlin, 29. I. 1848, 8°. 4 Seiten, auf einem Doppelblatt mit blindgeprägtem Monogramm "CBP".

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Beschreibung

An die Schauspielerin Louise Neumann (1818-1905) in Wien, über Heinrich Laube (1806-1884) und dessen Drama „Struensee“, das, von der Zensur verboten, am selben Tag eine von nur drei Aufführungen in Berlin erlebte. Ferner über den Skandal wegen der Plagiatsvorwürfe von Berthold Auerbach (1812-1882) im Hinblick auf „Dorf und Stadt“: „[…] Ich habe Deinen letzten lieben Brief nicht eher beantworten wollen, als bis ich Lauben gesprochen, der gestern kam, heute bei mir ist und den Abend sein Struensee aufführen sieht. Gott gebe ihm Glück dazu, so ergrimmt ich auch auf ihn war, so lieb ich doch seine Frau u. sein Talent, u. kann vergessen – das letzte halte ich für die schönste Eigenschaft, die ich besitze – In Hr. Auerbachs Geschäften ist alles faul, wohin man blickt! Ich lege dir seinen infamen, aufgeblasenen Angriff bei, bitte dich aber dringend mir das Blatt wieder zu schicken, weil ich nur das eine Expl. Habe, u. dessen sehr nothwendig bedarf; du siehst daraus, daß ich, die ich zu meinem eigenen Schaden meiner Lebtag eins mit der Wahrheit umging, mir eine solche Frechheit, dass. öffentlich drucken zu lassen, wenn es unwahr, nicht denken konnte, dir also im Herzen einen Versuch machen müste, den ich dir jetzt in jedem Morgen- u. Abendgebet demüthig abbitte. – Laube sagt mir nun, daß es allerdings eine einzigste Frechheit sei, die Sache so offiziell anzuführen – du hast ihm einmal geschrieben, die Professorin sei eine schöne Rolle, wenn man das dramatisieren könnte. Zufällig habe ich damals Auerbach gerade besucht, und ihm ganz oberflächlich von deiner Äußerung gesprochen, worauf Auerbach eben so oberflächlich gemeint hatte, das glaube er nicht, daß das ein Stück geben könnte, zu dem Schluß sei es nicht dramatisch. – So hat sich denn Hr. Auerbach, ganz richtig wie du sagst, um einen Vorwand zu haben, die Sache zurecht gemacht, wie er sie brauchte! Laube hätte freilich gleich mir schreiben sollen: So ist es nicht, so paßt es nicht zusammen, aber er mochte fürchten, ich würde daraus in meiner [Er…] mich darauf beziehen, u. wollte wohl auch nicht gegen Auerbach öffentlich auftreten, da er ohnedem gegen ihn ist, was man in Leipzig weiß! Ich werde mit S[…] sprechen, ob er nicht, als Dritter, ein paar Worte sagen könnte, die dich rechtfertigen, dann allerdings wirft es auf dich einen falschen Schein. – Wir werden das schon machen. Welch ein Mensch ohne Scham u. Rechtlichkeit Hr. Auerbach ist, siehst du aus der Beilage, die dir sein schmähliches Abläugnen birgt – u. die Blamage die ich seiner Unverschämtheit aufzudrücken gezwungen war. – Gott läßt die Wahrheit nicht zu Schanden werden, Wallner – der für acht Jahre in Petersburg ist – muß die Lichterwochen zum Urlaub benutzen u. nach Deutschland kommen, um meine Ehre zu retten, da sich der gewisse Jude mich als Lügnerin in ganz Deutschland zu brandmarken jetzt erdreistet. […] konnte er so etwas nicht, also log er, um seine schlechte Sache zu retten! Es ist empörend! Selbst seine beeinflusste Krohnzeugin sei wie vor den Kopf geschlagen – er ist ganz vernichtet in den Augen jedes […].Wallner sagt: Nun soll er mich Lügen strafen, ich fasse ihn nicht mit Glacier-Handschuhen an […] Wir sind alle neugierig, wie er sich jetzt gehaben wird! Er ist tod, er mag machen was er will! Das sind diese Radicalen, die die Welt reformieren wollen, u. selbst ehr- und rechtlos sind. Gott erhalte doch die alte Ordnung der Dinge. – Wir hatten gestern die siebzehnte Vorstellung von Dorf u. Stadt – u. zum 17. Mal war kein Billet im ganzen Hause! Eine schönere Satisfaktion als die es vom Hof u. Publikum giebt, konnte mir nicht werden!! […]“. – Heinrich Laube war Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung und ein Freund Richard Wagners. 1836 heiratete er die Iduna Hänel (geb. Buddeus, 1808-1880), die Witwe des Leipziger Medizinprofessors Albert Friedrich Hänel. Die Tragödie „Struensee“ (1847) beeinflusste Wagners antisemitische Haltung und wurde zur Grundlage für dessen berüchtigte Schrift „Über das Judenthum in der Musik“ (1805). „Struensee“ provozierte einen Skandal, da man Laube des Plagiats am gleichnamigen Trauerspiel von Michael Beer bezichtigte. Die Berliner und Wiener Zensur verbot „Struensee“, das Drama konnte am 29. Januar 1848 in Berlin im Königlichen Schauspielhaus aufgeführt werden, erlebte aber nur zwei weitere Wiederholungen. Im März 1849 legte Laube sein Mandat in der Nationalversammlung nieder, gegen Ende des Jahres wurde er zum Direktor des Wiener Burgtheaters berufen, ein Amt, dass er 18 Jahre lang ausübte. Seine Dramaturgie gewann Vorbildcharakter für die deutsche Bühne (vgl. Christa Stöcker (Hrsg.), Briefe an Heine 1842-1851. Kommentar, Berlin 1980, S. 124). – „‘Dorf und Stadt‘ war eine Bearbeitung von Auerbachs Novelle ‚Die Frau Professorin‘. Birch-Pfeiffer veröffentlichte das Stück mit der Anmerkung ‚Mit freier Benutzung der Auerbachschen Erzählung Die Frau Professorin‘. 1848 verklagte Auerbach sie, seine Erzählung plagiiert zu haben, und verlor den Prozess, weil das damalige Urheberrecht ein Plagiat als direkte Übernahme von zwei Dritteln des Wortlauts definierte. Da Auerbach nicht nachweisen konnte, dass Birch-Pfeiffer zwei Drittel seiner Novelle wörtlich zitiert hatte, ging die Autorin frei aus.“ (vgl. Susanne Kord, Ein Blick hinter die Kulissen. Deutschsprachige Dramatikerinnen im 18. und 19. Jahrhundert, Stuttgart 1992, S. 233). – Louise Neumann, gebürtig aus Karlsruhe, zählte seit 1838 zu den Publikumslieblingen am Wiener Burgtheater, eine ihrer Glanzrollen war die „Lorle“ in Birch-Pfeiffers Stück „Dorf und Stadt“, das am 18. November 1847 am Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde. Louise Neumanns Mutter, die Burgschauspielerin Amalie Haizinger (1800-1884) und eine enge Freundin Charlotte Birch-Pfeiffers, spielte die „Bärbel“. Einen Tag später kam „Dorf und Stadt“ in Berlin im Königlichen Schauspiel am 19. November auf die Bühne. – Vgl. Birgit Pargner, Charlotte Birch-Pfeiffer. Eine Frau beherrscht die Bühne, Bielefeld 1999, S. 182 und 184; Birgit Pargner, Zwischen Tr“änen und Kommerz, Bielefeld 1999, S. 484 ff.