Birch-Pfeiffer, Charlotte, Schauspielerin und Schriftstellerin (1800-1868).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift Berlin, 22. X. 1848, 8°. 6 Seien, auf einem Doppel- und einem Einzelblatt, mit dem blindgeprägten Monogramm "C B W".

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Beschreibung

Hoch emotionaler, inhaltsreicher Brief an die Schauspielerin Louise Neumann (1818-1905), über die dramatischen Revolutionsgeschehnisse in Wien am 6. Oktober 1848 und die Verbrennung der Bürgerwehrgesetze in Berlin am selben Tag: „[…] Dank geliebte Louise, für Dein Schreiben, das mich diesen Augenblick der grauenvollen Angst entnimmt, mit welcher ich die Nacht durchwachte. – Gestern früh erhalte ich einen Brief von Frau Pokhorny mit dem Poststempel vom 7ten dieses M. Kurz darauf höre ich von fürchterlichen Nachrichten, Wien soll in Flammen stehen, etc. – etc. – das sei am 6ten geschehen; ich zeige aller Welt mein Briefcuvert, u. bin vollständig überzeugt, daß es wieder Neuigkeiten aus der democratischen Fabrik sind, die vor 4 Wochen den König von Neapel köpfen ließ, u. es an alle Ecken anschlug. Aber da erfahre ich, daß entschieden etwas Furchtbares vorgefallen, das Beiblatt der Reform wird gebracht – die haarensträubenden Details hielt ich noch für Lüge, dann kommt die Staatszeitung ins Theater – u. wir Alle mußten uns überzeugen, daß es so ist. Ich schreie laut auf. Gott meine arme Haitzinger u. Louise! […] Wir haben Beide die Nacht kein Auge zugethan aus Angst für euch! Gott weiß, ich bin keine Pleureuse […], alle Welt weiß, daß ihr, wie jeder vernünftige Künstler conferratin seid. Ihr seid beide Lieblinge des Publikums, aber die, die einen Latour zu Tode schinden, u. ihre kanibalische Selbstgier noch an der Leiche nicht kühlen können – die gehören nicht zum Burgtheater-Publikum – Die Nacht hatte mich so ins Fieber gehezt, daß ich mir die schrecklichsten Dinge vorstellte, u. mir sagte: Gott, wenn sie nur geflüchtet sind – so kam der Tag, u. um 9 Uhr Dein Brief! Ich hatte es gar nicht gewußt, wie ich an Euch hänge, denn die Thränen liefen mir herunter ehe ich aufgemacht hatte, die Hände zitterten mir und das ganze Haus lief zusammen […]: Da ist ein Brief von Fräulein Louise – hereinstürzen! – Wir danken Ihnen Alle für diesen Brief, unsere Liebe für uns, u. danken Gott, daß Ihr lebt u. gesund seid: – Nun […] quäle Dich nicht, gutes, vortreffliches Mädchen! – laß doch das Alles zu Grunde gehen – wenn nur das Dasein, die Kraft zum Leben erhalten ist: Wir werden Alle arm werden, u. gleich sein, wir haben kein Recht zur Klage im Anblick des allgemeinen Elends dem Böswilligen u. Verblendeten, Ihr fürchtet, Deutschland [zu] überantworten? – Aber ich beschwöre Euch, flieht wenn ihr könnt! – es wird ein fürchterlicher Tag über Wien hereinbrechen, der Tag der Rache – der Tag, der Rußland sein Feuer mit der Knute vor dem belagerten Wien entfalten wird – so kein Sobiesky [polnischer König, 1629-1696, Retter Wiens während der Zweiten Wiener Türkenbelagerung] – ein Nicolaus Wien entsetzen (in doppelter Bedeutung) wird – wo der Gnädige mit dem Schuldlosen dem Strafgericht verfällt – der Allmächtige halte ihn ferner diesen Tag, denn er wird das Signal zu einem Völkerkrieg geben […] aber ich sehe ihn dennoch kommen, denn wenn der Kaiser sagt: Ich werde mit Gewalt einschreiten – wenn er das fliehend sagt (oder man es ihn sagen läßt) so krämt ihn auch nicht verblenden ein Wien, er hat den Rücken frei – u. der kann hin jetzt – wo er auf seine eigenen Völker nicht mehr bauen kann – nur den russischen Kolloss frei halten! Beherzigt das wohl u. geht! Wer wird euch jetzt halten, wo Theater ein Spiel für Kinder geworden. Vielleicht sehe ich ja schwarz – der Herr gebe es – aber durch soviel Blut als schon geflossen, sieht man immer Dunkel! Wer kann wissen, ob Du denselben Rath den ich Dir jetzt gebe – mir nicht in acht Tagen wiedergiebst. Ich bin auf Alles gefaßt, ich habe am 5ten vom dem Theater aus zugesehen (wir hatten den Pfarrherrn) wie das Volk auf dem Gendarmen Markt die Bürgerwehrgesetze, die die Nationalversammlung gab, u. die preußische Fahne verbrannte – Was kann ich Dir mehr sagen? Die Bürgerwehr stand da, u. sah zu. Das ist unsere Freiheit, u. unsere Aussicht! – Die Placate heute jubeln über den Sieg der Revolution in Wien – u. drohen schon es auch so zu machen – Freilich ist unsere Armee jetzt noch zuverlässig – aber, wie lange noch? […]“ – Vom 26. Bis 28. Mai 1848 kam es in Wien zu Barrikadenkämpfen. Am 29. Juni 1848 wählte die Frankfurter Nationalversammlung den habsburgischen Erzherzog Johann zum Reichsverweser und damit zum vorläufigen Staatsoberhaupt. Als die kaiserlichen Truppen in Wien am 6. Oktober 1848 gegen die aufständischen Ungarn ziehen sollten, versuchten Arbeiter und Studenten, den Abmarsch zu verhindern, es kam zur Meuterei einzelner Regimente und von Teilen der bürgerlichen Nationalgarde sowie zu Straßenkämpfen in der Wiener Innenstadt. Der österreichische Kriegsminister Graf Baillet von Latour (1780-1848) wurde von der aufgebrachten Volksmenge gelyncht und ermordet. Kaiser Ferdinand I. floh nach Olmütz, das Militär verließ die Stadt. Wien war in der Hand der Revolutionäre. Kurz nach Charlotte Birch-Pfeiffers Brief, vom 28. bis 30. Oktober, wurde die Revolution in der Schlacht von Schwechat durch den österreichischen Feldmarschall Alfred Fürst zu Windisch-Graetz (1787-1862) und den kroatischen Feldherrn und „Banus“ Joseph Graf Jelacic von Buzim (1801-1859) niedergeschlagen. – Auch in Berlin kam es am 6. Oktober 1848 wieder zu Unruhen, als auf dem Gendarmenmarkt das Bürgerwehrgesetz, über das die Nationalversammlung beriet, öffentlich verbrannt wurde. Währenddessen wurde am Königlichen Schauspielhaus in Berlin Birch-Pfeiffers Schauspiel in 5 Akten „Der Pfarrherr“ gegeben, ein „Spagatstück zwischen Obrigkeitstreue und Freiheitsdrang“, entstanden während der Revolutionswirren (Pargner, S. 250). – Dass der „König von Neapel“, Ferdinand II., König beider Sizilien (1810-1859), geköpft wurde, wie Birch-Pfeiffer hier behauptet, war allerdings ein Gerücht. Er starb erst 1859 in Caserta. – Louise Neumann, gebürtig aus Karlsruhe, zählte seit 1838 zu den Publikumslieblingen am Wiener Burgtheater, wo sie in vielen Stücken von Birch-Pfeiffer zu sehen war, darunter „Ein Billet“ (1850) und als Lorle in „Dorf und Stadt“ (1857). Sie war die Tochter der Burgschauspielerin Amalie Haizinger (1800-1884), einer engen Freundin Charlotte Birch-Pfeiffers, die zehn Jahre zuvor 1847 die „Bärbel“ in Birch-Pfeiffers Stück „Dorf und Stadt“ spielte. – Vgl. Birgit Pargner, Zwischen Tränen und Kommerz, Bielefeld 1999, S. 250ff.