Birch-Pfeiffer, Charlotte, Schauspielerin und Schriftstellerin (1800-1868).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift Berlin, 26. X. 1847, 8°. 4 Seien, auf einem Doppelblatt mit blindgeprägtem Monogramm "CBP".

750,00 

Vorrätig

Beschreibung

An die Schauspielerin Louise Neumann (1818-1905) in Wien, über die Begegnung mit Jenny Lind und die Uraufführung von „Dorf und Stadt“: „Sehr geehrtes Fräulein! Da ich die neue Adresse nicht weiß – frankire ich nicht – so kommt der Brief doch an Ort und Stelle! Wenn Louise Neumann einen Brief an die Birch mit ‚Liebste Frau Directorin‘ – anfängt – so kann diese nicht anders, als sich derselben Ehrfurcht befleißigen, u. an ihre angebetete Louise anfangen – wie oben zu sehen! – O Du treuloses Genie – hab ich das um Dich verdient? – Wenn ich’s nur noch übers Herz bringen könnte anders zu schreiben als es mir zu Muthe ist – ich müßte heute schrecklich steif sein! Aber da schwebt sie mir vor den Augen wie sie sagt: ‚Eine Freude! – u. wie sie sagen wird: Ich hab’s nur nicht merken wollen, weil ich eben den Reinhardt zu lieb hab? u. ich muß gleich wieder weich sein, u. den Ton anstimmen, den mein Herz einmal angiebt! – Nun geliebte Louise – grüß Dich Gott, u. die Mutter auch – u. so der Himmel will, sind jetzt Beide mit Einem Cholerium fertig! – Ich bin noch nicht von der Grippe loß denn meine Jenny der Engel hat mich die acht Tage, die sie uns umschwebte, bei den Haaren aufgerissen, ich habe mit ihr Regimentstochter singen müssen; sie hat mir vorgesungen, u. mich so kurirt. – Dies auf [?] die Sehnsucht die sie mir zurückließ, u. den Eckel den ich von nun für alle Opern empfinde, denn nach ihr – wie sie vollends jetzt ist – kann man nichts mehr hören! – Wie groß ist sie geworden – u. ihr Herz dasselbe, u. ihre Anhänglichkeit u. Dankbarkeit unerschütterlich für ihre dicke Mutter Birch! – Wir sprachen viel von Euch. Sie freut sich so über das Lob das ich Dir schrieb, denn sie hat Dich im ‚Versprechen [hinterm Herd‘ von Alexander Baumann] gesehen – u. ist überhaupt entzückt von Dir, das ist bei meiner Ehre wahr, sie hat es bei mir am Tisch, in Gegenwart Hendrich’s gesagt, der es Dir auch erzählen kann: Ich erzählte ihr, wie Ihr sie anbetet, u. daß die Mutter glaubt, man habe sie gegen Euch eingenommen – aber sie versicherte heilig, daß dem nicht so sei; sie spricht mit höchster Achtung von Euch – allein sie ist einmal so ein kurioser Kautz, daß sie, wenn sie irgendwo kleben bleibt, nicht mehr zum Weggang mit Anderen kommt! Sie hat die Bühnen – mit Ausnahme für London, ganz verlassen! Diesen Winter singt sie – für die Armen ihres Vaterlandes in Stockholm – im Mai ist sie wieder in London. – Aber für Wien schwärmt sie, über die Wiener geht ihr nichts, sie sagt: Einmal in ihrem Leben muß sie dort noch singen! – Aber da schwatze ich, u. das Wichtigste vergeße ich stets, wenn ich auf Jenny komme! – Also – Ich warte in Verzweiflung auf Beendigung des Drucks, weil ich dem Grafen mit einem Brief, das gedruckte Stück schicken will, sonst habe ich keinen vernünftigen Vorwand, warum es so spät geschieht. – Am Dienstag erst wird es fertig! – Nun aber ist indeß Folgendes vorgefallen: Ich hatte das Stück hier nicht eingereicht, weil ich es zuerst bei Euch gegeben [haben] wollte! – Vor einigen Tagen aber, forderte es der General-Intendant, weil er, vermög unseres Abkommens, ein Recht darauf hat. – Gestern nun zeigt er mir an, daß er ‚Dorf u. Stadt‘ zur Geburtsfeier der Königin, am 19. Novbr. zur Aufführung wünsche! – Dagegen kann ich nun kein Wort sagen, denn es ist eine hohe Ehre – u. trifft gewöhnlich für diesen Tag mich die Wahl, wie früher mit: ‚Thyrnau‘ – voriges Jahr mit der ‚Familie‘, aber – ich hatte deßhalb das Stück nicht eingereicht, weil ich gefürchtet, er würde es dann gar zum Fest des Königs (15. Oktb.) geben wollen! Nun beschwöre ich Dich, sprich mit Sr. Exzellenz, mit Holbein, mit Allen die Einfluß bei Euch haben, daß Ihr das Stück früher herausbringt – wenn auch nur fünf, sechs Tage früher – Du kannst Dir ja denken warum! Es war immer mein Traum u. Wunsch, daß Ihr es zuerst gebt, Du das erste Lorle – wie Du das Einzige sein wirst! – Nun – zeigt daß Ihr Schätze seid! Das ist’s, was jetzt auf meinem Herzen liegt – nun sorgt für Eure treueste Freundin u. Bundesgenossen! Gott mit uns! [… am Rand:] Tausend Grüße an die Mutter und Dich von uns Allen – Dem guten Herrn von [?] mein schönstes Compliment und herzlichsten Gruß! […] wird doch den Reinhardt spielen?“ – Jenny Lind (1820-1887) war die erste bedeutende Interpretin der „Marie“ in Donizettis komischer Oper „Die Tochter des Regiments“ („La fille du régiment“, „La figlia del reggimento“), deren französische Uraufführung 1840 in Paris und kurz danach in italienischer Sprache in Mailand stattfand. Für ein kurzes Gastspiel gab Jenny Lind die „Marie“ in zwei Vorstellungen im Oktober 1847 in Berlin und zuvor im Januar desselben Jahres am Theater an der Wien, wo Louise Neumann sie gesehen und, der Brief legt es nahe, getroffen haben könnte. Seit Linds Heirat mit dem Komponisten Otto Goldschmidt (1829-1907) trat sie nur noch selten auf, ab 1856 lebte das Paar ausschließlich in London. Charlotte Birch-Pfeiffer und Jenny Lind dürften sich im Rahmen der Neubearbeitung von Meyerbeers Singspiel „Ein Feldlager in Schlesien“ begegnet sein. Bei der Uraufführung am 7. Dezember 1844 an der Königlichen Oper in Berlin sang Jenny Lind die Hauptrolle, dann wurde das Stück wegen seiner Bezüge zum Alten Fritz nicht mehr gespielt, bis Franz Pokorny, Direktor des Theaters an der Wien, die Oper in Wien wieder mit Jenny Lind auf den Spielplan nehmen wollte. „Die anonyme Umarbeitung des Librettos durch Charlotte Birch-Pfeiffer erfolgte anlässlich des Gastspiels von Jenny Lind am 18.2.1847 am Theater an der Wien“ (Pargner, S. 495), nun unter dem Titel „Vielka“. – Louise Neumann, gebürtig aus Karlsruhe, zählte seit 1838 zu den Publikumslieblingen am Wiener Burgtheater, eine ihrer Glanzrollen war die „Lorle“ in Birch-Pfeiffers Stück „Dorf und Stadt“, die sich in den Kunstmaler „Reinhard“ verliebt und mit ihm vom Schwarzwald in die Stadt zieht. Birch-Pfeiffers in vorliegendem Brief entwickelter Plan, das Stück in Wien und nicht in Berlin, wie vom preußischen König vorgesehen, zur Erstaufführung bringen zu lassen, ging auf. Die Premiere fand am 18. November 1847 am Wiener Burgtheater statt. Louise Neumanns Mutter, die Burgschauspielerin Amalie Haizinger (1800-1884) und eine enge Freundin Charlotte Birch-Pfeiffers, spielte die „Bärbel“. Einen Tag später kam „Dorf und Stadt“ in Berlin im Königlichen Schauspiel zu Ehren der Königin an deren Geburtstag am 19. November auf die Bühne (Pargner, S. 486). 1844 und 1846 wurden zu Ehren des Königspaares am 19. XI. und 19 XII. die Dramen „Thomas Thyrnau“ und „Eine Familie“ aufgeführt. – Vgl. Almanach für Freunde der Schauspielkunst, Bd. 12 (1848), S. 40; Birgit Pargner, Charlotte Birch-Pfeiffer. Eine Frau beherrscht die Bühne, Bielefeld 1999, S. 182 und 184; Birgit Pargner, Zwischen Tränen und Kommerz, Bielefeld 1999, S. 484 ff.