Benn, Gottfried, Schriftsteller (1886-1956).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift „Benn“. Berlin, Bozener Str. 20, 19. XI. 1955, Gr.-8° und Schmal-Gr.-8°. 4 Seiten. Dunkelblauer Kugelschreiber. Briefkopf. Gelocht.

Nicht vorrätig

Beschreibung

Großer ungedruckter Brief an seinen Verleger Max Niedermayer (1905-1968), den Inhaber des Limes-Verlages, mit einer ungewohnt despektierlichen Äußerung über seinen „Schwarm“ Astrid Claes. Benn, Niedermayer und Claes hatten sich in Köln getroffen, wo Benn am 15. November an einer Rundfunk-Diskussion mit Reinhold Schneider unter dem Titel „Soll die Dichtung das Leben bessern?“ teilgenommen hatte: „es war sehr nett, Sie beide einmal wiederzusehn. Ich hoffe sehr, dass Ihre Umbauerei in der Wohnung bald zu Ende ist und Sie wieder in Ruhe essen und schlafen können – und heizen vor allem, denn jetzt ist es ohne Heizung doch nicht mehr auszuhalten in den Stuben (warum haben Sie das nicht schon im Sommer gemacht? Die Hauswirte machen es so, dass sie erst im Winter die Reparaturen machen, um die Miete zu schikanieren …). Also, Sie schreiben am besten was die Prosasache auf Band angeht, an ‚Sender Freies Berlin‘ […] Ich habe mich dort erkundigt, die Post wird dann an die zuständige Stelle geleitet. Am G[ottfried] B[enn] abend hier am 15. XI. der nach Angabe meiner Frau, glänzend gewesen sein soll, wurde auch der ‚Ptolemäer‘ gelesen und es soll spontanen Beifall bei vielen Sätzen gegeben haben, ich werde aber wohl daraus 15 Minuten lesen. Das neue Heft der ‚Neuen deutschen Hefte‘ wird Sie interessieren, da Astrid [Claes] dort gross auftritt. Wer mag sie dahin vermittelt haben? Ihre Besprechung von ‚Aprèslude‘ findet meinen Beifall nicht. Nicht wegendessen, was sie schreibt, sondern es steht ihr überhaupt nicht zu, über mich zu schreiben, sie soll den Mund halten, Fräulein [Marguerite] Schlüter hätte ihr das garnicht nahe legen sollen! Herr Doktor [Rainer] Grünter: ein sehr eleganter Beau, gepflegter Bonvivant, fand ihn recht langweilig. Übrigens die A[strid] auch, sie ist so völlig von sich besessen, dass sie an einem allgemeinen Gespräch garnicht teilnehmen kann, oder will. Eigentlich eine recht unangenehme Person. | Sass auf dem Flughafen Düsseldorf 5 Stunden und wartete, ob die BEA aus Berlin landen kann und zurückfliegen würde. Sie tat es aber, nachdem sie fast 1 Stunde über dem Flugplatz kreiste. Die übrigen Maschinen wurden nach Wahn (Köln) umgeleitet und die Reisenden mussten im Omnibus die 80 km erst dorthin befördert werden. Um diese Jahreszeit ist das Fliegen doch riskant. Dank für Briefkarte vom 17. XI. Erwarte also die Bogen und kaufte 1 Flasche Montblanc-Füllfederhalter-Tinte – also los! Dank für das kommen nach Köln! Dr. [Traugott] Meyer vom Baseler Radio stellte sich als überaus liebenswürdiger Mann heraus, und großer G[ottfried] B[enn] Kenner. Hängt mir nun aber alles zum Halse heraus, will dies Jahr nicht mehr reisen. Und heute gehn wir das Teesieb kaufen! […]“ – Unser Brief beantwortet die erwähnte Briefkarte Max Niedermayers aus Wiesbaden vom 17. November 1955 (Briefe an den Limes-Verlag, CD-Rom, Nr. 808). Es ging darin um die Druckbogen zur 2. Auflage von „Drei alte Männer“, von der 150 Exemplare als signierte Vorzugsausgabe Ende November 1955 ausgegeben wurde. Laut Benns Tagebuch signierte er die Bogen zwischen dem 21. und dem 23. November. Beim Sender Freies Berlin fragte Niedermayer wegen Prosa-Tonaufnahmen für die geplante Langspielplatte „Gottfried Benn liest Gedichte und Prosa“ (Juli 1956) an. Das Ehepaar Niedermayer hatte in Köln auch Astrid Claes (1928-2011) getroffen und fand sie „nett“. Die Germanistin hatte 1953 ihre Dissertation über Benn geschrieben und ihm eigene Gedichte geschickt. Damit weckte sie Benns Interesse, der sich im Juni 1954 in Kassel zu einem gemeinsamen Abend mit ihr verabredete. Die Begegnung führte zwar nicht zu der von Benn anvisierten Liebschaft, aber zu einem 2002 veröffentlichten Briefwechsel. Anlässlich der Kölner Rundfunkdiskussion traf man sich ein weiteres und letztes Mal in Benns „Dom-Hotel“. Claes brachte ihren Freund, den Germanisten Rainer Gruenter mit, der Abend verlief angespannt und Claes empfand ihn missglückt, während Benn eher traurig-nachdenklich war. Danach dankte er nur noch für Geburtstagswünsche zu seinem 70. (Briefe an Astrid Claes, Nrn. 64-66). So „eingeschnappt“ wie in dem vorliegenden Brief hat sich Benn sonst nicht über sie geäußert.