Jung-Stilling, Johann Heinrich, pietistischer Schriftsteller, Augenarzt und Kameralist (1740-1817).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift Karlsruhe, 3. VII. 1809, Gr.8°. 4 Seiten. Doppelblatt. Mit eigenhändigen Umschlag und Siegel.

Nicht vorrätig

Beschreibung

An seinen Gönner Friedrich von Anhalt-Bernburg-Schaumburg (1741-1812) in Homburg vor der Höhe: „Ew. Durchlaucht Briefe sind allemahl eine Herzstärkung für mich auf meinem dunkeln und mühvollen Pilgerwege. Der Herr seegne Sie dafür. Meine Apologie [der Theorie der Geisterkunde; 1809] hat allenthalben große Würkung gethan, Gott hat sie mit seinem Segen begleitet, indessen schweigen die baseler Herren mäusgenstill dazu, und auch ins Allgemeine läßt das Toben nach. Kürzlich schrieb mir ein großer, berühmter und so wohl als Philosoph als auch als wahrer Christ bekannter 80 jähriger Theologe, der Diakonus Uhrland in Gera, viel Schönes über meine Geisterkunde, desgleichen auch ein Dänisch Holsteinischer frommer und gelehrter Prediger, der bezeugte daß dies auch schon mehreren Zweiflern die Augen geöfnet, und sie zum Licht gebracht habe […] meine müde Seele lechzt in der schwülen Luft, vor dem nahen schweren Gewitter, das allenthalben einschlagen wird. Ich lese jetzt nach so vielen Jahren meine Siegsgeschichte der christlichen Religion [1799] noch einmal durch, und bin im Ganzen noch immer damit zufrieden. Der Laodizäische Zeitlauf ist in unseren Zeiten durchaus unverkennbar, aber Gott Lob und Dank der Philadelphische auch […] was mir aber wehe thut, ist, daß es noch immer nicht zur Einigkeit des Glaubens kommen, und das Sektenwesen aufhören will. Es ist da kein anderer Rath, das Feuer der Trübsal muß alle Seelen läutern, reinigen und fegen, wenn alles eine Gnade werden soll […] Aber woher kommt wohl diese unglaubliche Glaubensschwäche? – nach meinem Bedünken hat sie mehr als eine Quelle: Der Seelengrund ist so an sinnlichen und geistigen Luxus gewöhnt, daß sie jede auch die geringste Verläugnung scheut, die doch dem Christen durchaus unentbehrlich ist. Dadurch sucht man sich durch Sophismen zu helfen. Der Zug zu allen Genüßen ist so stark, daß jeder Versuch zum Eingang in die enge Pforte mißlingt, dazu kommt dann noch der elende Determinismus, dieser haucht der Seele ein: alles ist ja von Ewigkeit bestimmt, ich kann ja nicht anders handeln denken und reden, als es in meiner Natur gegründet ist, und damit schwimmt man mit dem Strom fort, und erwartet sein ewiges Schicksal mit einer Art von stoischer Verzweiflung. Dabey stellt man sich dann vor, Gott kenne ja die menschliche Schwäche, und werde es so genau nicht nehmen. Dies ist so ganz genau die Denkart einer großen Menge von der Mittelclaße der Laodizäer, es ist die Lauheit, die der Herr an ihnen rügt, und das Ausspeyen verursacht […]“ – Friedrich von Anhalt hatte die Familie Jung-Stilling in ihren Marburger Jahren sehr unterstützt. – Sehr schöner Brief. – In der Briefausgabe von Gerhard Schwinge (2002) nicht gedruckt und nicht verzeichnet.