Jung-Stilling, Johann Heinrich, pietistischer Schriftsteller, Augenarzt und Kameralist (1740-1817).

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift Ohner Ort und Jahr [Karlsruhe, 3. VII. 1809?], Gr.-8°. 2 Seiten.

Nicht vorrätig

Beschreibung

An seinen Gönnerin Louise von Wittgenstein-Berleburg (in Homburg vor der Höhe). Möglicherweise Einlage zu dem Brief an Friedrich von Anhalt-Bernburg-Schaumburg vom 3. Juli 1809. Anknüpfend an die Todesnachricht zweier Prinzen von Lippe: „[…] Bey solchen Fällen muß man jezt denken: die Gerechten werden weggerafft für dem Unglück etc., denn warlich! während unserer Lebenszeit wird es schwerlich besser, wohl aber viel schlimmer werden: denn der überhandnehmende Luxus, verbunden mit der Abnahme der Erwerbkräfte, und mit dem Wachsthum der zügellosesten Unsittlichkeit, kann nicht anders als zum gänzlichen Ruin, zur Auflösung aller Bande der menschlichen Verhältnisse führen, und dahin muß es eben kommen: weil wir uns durch Güte nicht wollen ziehen laßen, so muß es durch Schärfe geschehen. Erst dann, wenn die Menschheit von allen unverbesserlichen Gliedern befreyt oder gereinigt ist, dann ist die Gemeinde des Herrn fähig, daß der Herr Sein Reich hienieden durch sie gründen kann. Schrecklich ist freylich der Gedanke, daß in der großen Versuchungs Stunde niemand übrig bleiben soll, als wer zum Reich Gottes geschickt ist, oder noch werden kann, aber es ist doch nicht anders: wie viele Menschen raft der Krieg hinweg, und Gott verhüte nur daß die hin und wieder gähnende Insurrection nicht zu Stand kommt, sonst würde der Grausamkeit und des Blutvergiessens kein Ende, wenn dann noch Hunger und Seuchen hinzu kommen, so wird freylich die Zahl der Menschen dünne werden. Unsere Vorfahren ordneten Fast, Buß, und Bättage in schweren göttlichen Gerichten an, wir hingegen Bälle, Conzerte, Schauspiele, Opern, Ballets, Casino’s u. d. g. Hier werden jetzt zwo prächtige Weltausdauernde Kirchen gebaut – Nun ja dazu würden hölzerne, und noch dazu von Tannenholz hinreichend seyn; so denke ich wenn ich vorbey gehe. O wie glücklich sind die, welche über das Alles hinaus, das glänzende Ziel erblicken, und die gegründete Hofnung haben , da dereinst getröstet zu werden, über alle ihre Mühe Arbeit und Leyden! […] Ich für mein Theil bin vollkommen gesund, nur daß mich zuweilen große Abspannungen, und Spuren vom Podagra anwandeln […]“ – Grafin Louise, eine enge Verwandte von Friedrich von Anhalt, hatte mit diesem zusammen die Familie Jung-Stilling in ihren Marburger Jahren sehr unterstützt. – Sehr schöner Brief. – In der Briefausgabe von Gerhard Schwinge (2002) nicht gedruckt und nicht verzeichnet.