Tucholsky, Kurt, Schriftsteller (1890-1935).

Fromme Gesänge von Theobald Tiger. Mit einer Vorrede von Ignaz Wrobel. 1.-6-Tsd. Berlin-Charlottenburg, Felix Lehmann Verlag, 1919, 8°. IX, 117 S. Illustr. OKart. nach Theodor Leisser (leicht fingerfleckig; Vorderdeckel mit kleiner Schabspur).

Nicht vorrätig

Beschreibung

Erste Ausgabe. – Bonitz-W. C 4. Wilpert-G. 3. Kat. München (1990), Nr. 56. – Innendeckel der Kartonage mit eigenh. Widmung und U. des Verfassers für den Berliner Chirurgen Eugen Holländer (1867-1932) : “Herrn Professor Dr. Hollaender, | dem großen Chirurgen – | ein Mann mit einem ehemaligen | kleinen Bruch! – | In Dankbarkeit | Tucholsky. Paris, 1924.” Zusatz von anderer Hand: “16. Avenue Mozart 89.” – Eugen Holländer behandelte viele berühmte Patienten in Berlin und besaß eine einzigartige Sammlung von medizingeschichtlich interessanten Objekten und Kunstgegenständen, die er in Büchern publizierte (vgl. NDB IX, 536 f.) – Kurt Tucholsky, im November 1918 nach Berlin zurückgekehrt und seit 13. Dezember Chefredakteur des ‘Ulk’, informierte Hans Erich Blaich am 6. August 1918: “Die Tigeriana gibt ein kleiner berliner Verlag […] heraus […] Wers wohl kauft – ? Und 128 Seiten ? Es sind auch Erotika dabei, damits nicht gar so langweilig ist. Ich fürchte, es wird ein Fiasko sein -.” – Gewidmet war das Bändchen im Druck den Freunden “Karlchen und Jakopp zur Erinnerung an Rumänien”. – Im selben Monat schrieb Tucholsky: “Der politische Versemacher hats nicht leicht. Er soll jede Woche seinen Purzelbaum schlagen, und ich glaube, das das ‘Wochengedicht’ dann, wenn es ‘das’ Thema der Woche behandelt, ein purer Schwindel ist.” (Peter Panter: Selbstanzeige. In: Die Weltbühne, 27. 11. 1919). – “Mit seinem Manuskript und einer Empfehlung von Siegfried Jacobsohn ging Tucholsky im Sommer 1919 in Charlottenburg zu dem Verleger Felix Lehmann. Ende Oktober war es dann so weit, daß der kleine Berliner Verlag sein Büchlein, einhundertsiebzehn Seiten stark, herausbrachte. Tucholsky wählte dafiir einen Titel mit Augenaufschlag: Fromme Gesänge. Einer der Zeichner vom Ulk, Theodor Leiser, dachte sich für den Einband etwas Lustiges aus – das parodistische Konterfei des dicken, geplagten Theobald, der sich die schwerste aller Aufgaben gestellt hat, die ein Schriftsteller übernehmen kann: als Satiriker das Publikum zu unterhalten. Die Kummerfalten auf seiner Stirn, tief eingegraben, sprechen Bände. Das Stachelgewächs zu seiner Rechten – sollte es der Lebensbaum der satirisch eingefärbten heiteren Muse sein? – besagt, daß es diese Kunstform nicht leicht hat und auch der nicht, der damit vor den Vorhang tritt. Diesen Gedanken bestätigt auch das Vorwort, in dem es heißt, daß es für den Satiriker nicht darauf ankomme, Distanz zu halten, sondern zu kämpfen, daß der Satiriker ungerecht sein muß, aber er ‘trifft, wenn er ein Kerl ist, zutiefst und zuletzt doch das Wahre und ist der Gerechtesten einer’. Der größte Teil der Gedichte war bereits in der Schaubühne beziehungsweise Weltbühne erschienen, einige im Vorwärts, einige andere schon im Ulk […] Die Frommen Gesänge sind Tucholskys einziger Gedichtband geblieben. Er hat nie wieder einen gesonderten Band mit Lyrik herausgegeben, seine späteren großen Auswahlbände enthalten aber alle eine spezielle Tiger-Abteilung nur mit Gedichten. Die Verse unter diesem Namen waren seit 1918 ein Begriff, populär geworden war ihr Verfasser hauptsächlich durch den Ulk. Man las die Gedichte von ihm gern, weil sie ‘so saftig gesund, wie das liebe Leben selbst, so aufreizend stachlig wie der cactus vitae, neben dem er saß und dichtete, so unverschämt aufrichtig und so befreiend frech’ waren, wie ein Redaktionskollege der Berliner Volkszeitung in seiner Rezension sagte.” (Bemmann, S. 205). – Papierbedingt etw. gebräunt.