Beschreibung
An den Schriftsteller Gustav Macasy (1871-1905) in Wien: „Aber liebster Macasy, da sind ja köstliche Dinge drin! Eben bin ich mit dem Lesen fertig geworden; Sie brauchen garnicht so bescheiden zu tun. Sogar zum Lyriker scheinen Sie mir nun berufen, es müssen ja nicht immer Verse sein; es scheint, als könne sich Ihr innerer Rhythmus nur in Prosa unmittelbar zur Geltung bringen. Ich rate Ihnen: quälen Sie sich nicht unnütz mit Reimen und gebundenen Formen ab, das liegt nicht Jedem, und schließlich ist ein eigener Stil doch die Hauptsache, weil gleichbedeutend mit dem eigenen Nerv, ob gebunden oder ungebunden. Das ‚Frühlingslied‘ ist viel mehr als ein ‚Capriccio‘; es ist ein tiefes, weltumfassendes Gedicht, den schönsten Stellen aus Schlafs ‚Frühling‘ ebenbürtig und als Ganzes mir lieber, weil nicht so weitschweifig und übertrieben. Auch Ihre Seelenstudien mit novellistischer Färbung versprechen mir viel für ihre Zukunft. ‚Sklaventod‘ hat mich am meisten gepackt, sodaß ich es kritiklos hinnahm, und an dem ‚Abschied‘ hätte der alte Goethe seine Freude gehabt. Von Tolstoj’scher Meisterschaft und Einfachheit ist der große Mittelteil in ‚Kranke Liebe‘; leider ist der Anfang nicht ganz so vollkommen, weil zuweilen nicht genug aus der Seele der dargestellten Leute heraus, und am Schluß haben Sie sich durch die stilwidrige Brief-Nothilfe die Sache zu bequem gemacht. Die erste Novelle hat mir am wenigsten gefallen; die Ichform paßt ganz und gar nicht zu diesem instinktiven Geschöpf, dessen Handlungen ihm sicher nicht mit solcher analytischen Deutlichkeit ins Bewußtsein treten können. Die zweite Novelle ist mir zu tendenziös und in Stil nicht reif und eigen genug. Voll falschen Noten sind auch ‚Götzenherrlichkeit‘ und ‚Apokalypse‘. Zu viel Wortgedresche! Offenbar unter Przybyszewski’s Einfluß geschrieben, aber ohne dessen rhythmischen Elan. Sie sind kein Ekstatiker, lassen Sie diese Gesten! Sie können ein Meister der Betrachtung werden und der zieIvollen Leidenschaften […]“ – Dehmel lebte 1894-99 in Pankow. – Macasy veröffentlichte 1896-1900 drei Novellenbände. – Kleiner Ausschnitt am Oberrand ohne Textverlust.








