Panizza, Oskar, Schriftsteller (1853-1921).

480,00 

Eigenhändiger Brief mit Unterschrift München, „Nußbaumstraße 5“, 8. IV. 1893, Gr.-4° (28,5 x 22,5 cm). 3 1/2 Seiten. Doppelblatt. Briefkopf.

Vorrätig

Beschreibung

An den Schriftsteller Gustav Manz (1868-1931) in Berlin: „[…] Mit der Beantwortung Ihres geschätzten Briefes an Herrn Löbell [Verlag E. Albert & Co.] vom 24. v. M. durch letzteren beauftragt, habe ich mich erst mit meinen literarischen Freunden hier ins Benehmen gesetzt, um nach jeder Richtung einer einseitigen Auffaßung Ihres Projekts, hier einen Recitations-Abend zu veranstalten, meinerseits vorzubeugen […] Wir haben hier während der Dauer des Bestehens der hier kürzlich aus finanziellen Rücksichten aufgelösten ‚Gesellschaft für modernes Leben‘ d. i. während der letzten 2 Jahre, eine Menge Abende veranstaltet, und dabei durch eigene Leute wie Berufs-Schauspieler Gedichte, Novellen und Rollen aus der modernen Literatur, Eigenes wie Fremdes, zum Vortrag gebracht. – Ihr Projekt wäre also hier weder etwas Neues noch Zugkräftiges. – Wir haben aber ferner theils durch etwas zu forsches Auftreten, theils durch eine unglückliche, nicht ganz unverschuldete uns imputirte Verquickung unserer Tendenzen mit der Socialdemokratie – die von der ultramontanen Presse aufs Heftigste geschürt wurde – durch verschiedentliche Confiscationen unserer Schriften, durch eine vorgekommene Anklage wegen Majestätsbeleidigung mit folgender Verurtheilung (Baron von Gumppenberg) und eine Menge anderer Dinge, uns so sehr den Boden in der beßeren und künstlerisch interessirten hiesigen Gesellschaft abgegraben, daß wir – obwohl wir im Mittelpukt des intensivsten Interesses stehen – und gerade deshalb, jeden unserer weiteren Schritte aufs Sorgfältigste überlegen müßen. – Unsere Parole lautet seit Januar, d. i. seit Auflösung unserer öffentlichen Vereinigung, – Ruhe und Herausgabe der Bücher […] Können Sie keine Ratten dreßiren? Oder Katzen und dergl.? Sind Sie nicht auch Varieté-Künstler, Hr. Dr.!? – Dann könnte ich Ihnen ein glänzendes Engagement verschaffen. Erst gestern sprach ich mit dem Director der ‚Blumensäle‘, wo der neueste Illusionismus ‚Stroubaika‘ – Feßelung eines Mannes auf einem Brett mit Schlößern und schmiedeeisernen Ringen, der sich in 40 Sekunden löst – täglich ein volles Haus erzielt. ‚Stroubaika‘ – meint er – gehe in den nächsten Tagen fort; wenn er nur einen guten Dresseur in Katzen oder Kakadus oder Tauben hätte, – er zahle jeden Preis. – Aber mit moderner Literatur, da ist nicht viel zu machen; die ist nicht nur unter den Katzen, die ist auch unter dem Hund! – Spaß beiseite! Es ist unendlich schwer auch die Gebildeten hier, für moderne Literatur zu interessieren. – Aber ich meine, wenn Sie es umgekehrt machen, wenn Sie hier einmal […] einen Berliner oder norddeutschen Dichter-Abend veranstalten, so läßt sich hier […] vielleicht Ersprießliches erzielen […]“ – Die „Persische Stroubaika“ war ein illusionistisches Varietéprogramm aus Paris, das seit 1888 auf Tournee Furore machte. – Kleiner Einriß in der Knickfalte.