Beschreibung
An Heinrich Reimann (1850-1906) in Berlin. Dankt für eine Besprechung seines Buches „Der Widerspruch in der Musik“ (1893): „[…] Erst heute kommt mir Ihre liebenswürdige Besprechung meines Büchleins ‚Der Widerspruch in der Musik‘ in No. 29 vom 20. Juli 1893 [S. 456 ff.] der ‚Blätter für litterarische Unterhaltung‘ zu Gesicht, und ich verfehle nicht, Ihnen meinen herzlichen Dank dafür auszusprechen. Die im letzten Capitel von mir versuchte Charakteristik A. Bruckners hat soviele Mißverständnisse schon hervorgerufen, daß ich selbst zur Einsicht gekommen bin, daß dieser Abschnitt zum mindesten ungenügend, ergänzungs- bezw. limitationsbedürftig ist. Es ist mir z. B. nie eingefallen, über Bruckner hinaus keinen Fortschritt in der Musik mehr für möglich zu halten. Wenn mein Buch mit Br. schließt, so schließt mit ihm nicht die Musikgeschichte […] Anders verhält es sich mit meiner Ansicht über das ‚Epigonenthum‘: die werde ich immer festhalten. Wenn ich darin im Unrecht wäre, so müßte das in einem ‚Gebrechen‘ meiner musikalischen Natur begründet sein, vermöge dessen ich in diesem Puncte mit Blindheit geschlagen wäre, – nicht aber daher rühren, daß ich diese Erscheinungen nicht genügend kenne. Ich nehme es zu ernst mit dem was ich schreibe, als daß ich mir ein Urtheil auf’s Gerathewohl erlaubte, ohne vorher genau geprüft zu haben. So habe ich mich z. B. eine Zeit lang fast ausschließlich mit Brahms beschäftigt: ich halte ihn für einen gediegenen Musiker, dem vieles trefflich gelungen ist, vor allem im Lied. Aber Genialität, jenes unsagbare Etwas, das packt, warm macht, mit fortreißt – das fehlt, von der sklavischen Abhängigkeit von Beethoven und Schumann gar nicht zu reden. – Für Schumann habe ich in jungen Jahren geschwärmt, ich halte ihn jetzt noch für einen der liebenswürdigsten Musiker, die wir haben, groß im Kleinen, in der Miniatur, aber klein im Großen. Seine Symphonieen neben denen Beethovens? – nein, da mache ich nicht mit. – Vertrügen Sie es, wenn man Jean Paul neben Goethe stellen wollte? Und Mendelssohn? – Wenn ‚Form-Genie‘ nicht eine contradictio in adjecto wäre, würde ich dem bekannten Ausspruch H. v. Bülow’s vollkommen beistimmen. Die ‚Hebriden- Ouvertüre‘ gehört zu meinen Lieblingsstücken, gerade so wie ich mich im ‚Paulus‘ noch immer unsäglich gelangweilt habe! – Sie sehen, ich lasse mit mir reden! […] Jedenfalls – hat Ihre Besprechung zu den erfreulichsten Zeichen gehört, die mir die ‚Presse‘ hat zukommen lassen […]“ – Louis war als Musikschriftsteller und ab 1900 als Musikkritiker für die Münchener Neuesten Nachrichten tätig. – Einriss in der Knickfalte.



