Mann, Erika, Schriftstellerin; älteste Tochter von Thomas Mann (1905-1969).

Maschinengeschriebener Brief mit eigenh. Korrektur und Unterschrift Kilchberg am Zürichsee, 19. IX. 1956, Fol. (29,5 x 21 cm). 1 1/2 Seiten auf 2 Blättern. Mit Umschlag.

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Beschreibung

Langer, inhaltsreicher und meinungsstarker Brief an Gisela Jockisch über ihr Buch „Das letzte Jahr“ (1956): „[…] und zwar ist es mir wirklich ein Trost und eine immer wieder überraschende Genugtuung, wenn jemand einigen aufrichtigen Gefallen gefunden hat an meiner kleinen Schrift. Man begegnet – wie Sie wissen werden – so vielem hämischen Unverstand, so vieler Gehässigkeit und bösartiger Narretei – dass die Zeugnisse der Teilnahme sehr wohltuend sind. Natürlich darf man sich sagen, dass man Dinge, wie dieses ‚Letzte Jahr‘ ja ausschliesslich für Freunde schreibt, und dass es also nicht Wunder nehmen darf, wenn die Uebelgesinnten ihr Mütchen an einem kühlen. Statt einem aber die Widerwärtigkeiten verdaulicher zu machen, indem ihre Urheber sich auch noch – mehr oder weniger offen – gegen T.M. richten, bringen sie es merkwürdiger Weise fertig, einen dadurch noch tiefer zu verstimmen. […] Leider ist es ganz und gar nicht angängig, was sie vorschlagen. Ich fürchte, Sie haben sich die ungeheuren Schwierigkeiten, die einer solchen Unternehmung […] sogar wenn T.M. ihr quasi ‚vorgestanden‘ hätte – sich in den Weg türmen, nicht lebhaft genug vor Augen gestellt. Toynbee war da durchaus keine Ausnahme, sondern nur zu charakteristisch. Und was die beiden anderen betrifft, – so bestand ihre ganze Zuversicht in der Tatsache, dass eben T.M. diesen Aufruf, – oder wie man den Plan nun nennen wollte, – ins Werk zu setzen beabsichtigte. Ihm, meinten Sie, – gerade ihm und nur ihm würden die anderen, – oder doch viele von den anderen, – Folge leisten. Schon ein Mensch wie Albert Schweitzer, von dem ich persönlich keineswegs glaube, dass er, über sein Lambarene-Unternehmen hinaus zu grosser Initiative gestimmt und aufgelegt wäre, – verfügte kaum über die ‚Beredsamkeit‘ (um ein bescheidenes Wort zu wählen) welche den Rest mitzureissen vermöchte. Im übrigen ist es keineswegs ohne Absicht geschehen, dass ich von dem Plan und ungefähren ‚Wie‘ Mitteilung gemacht habe in meiner Schrift. Das Büchlein erscheint nun auch in Holland und England, – wahrscheinlich gleichfalls in Frankreich und den Vereinigten Staaten, und sollte einer der genannten oder auch sonst irgend wer sich aufgerufen fühlen, diesem Projekt nachzugehen, so stünde solcher Folgeleistung gewiss nichts im Wege. Ich bin nicht die Figur, die dafür in Frage kommt. Glauben Sie mir: meine Erfahrung ist zu gross und ich verstehe ganz einfach zu viel von der Technik und dem Mechanismus dieser Art von Unternehmungen, als dass ich mich zu der Don Quixoterie verstehen könnte, dergleichen meinerseits anzugehen […]“ – „Das letzte Jahr. Bericht über meinen Vater“ erschien 1956. Einer der letzten Pläne Thomas Manns war ein Friedensapell, den er mit einer Anzahl führender Geister für die Regierungen und Völker der Welt herausgeben wollte. Als Mitunterzeichner waren u.a. Albert Schweitzer und Arnold Toynbee (der allerdings absagte) vorgesehen. – Die Schriftstellerin Gisela Jockisch (verh. Günther, geb. Schoenfeld, 1905-1985) war die erste Ehefrau des Regisseurs und Dramaturgen Walter Jockisch (1907-1970), der später Grete Weil, eine Freundin Klaus und Erika Manns heiratete. Die beiden schlossen 1933 eine nur kurz bestehende Scheinehe, da Gisela „Gisi“ Günther kurz vor der Geburt eines unehelichen Kindes stand. Die Tochter Michaela „Michele“ wurde so als „arisch“ vor den Nazis gerettet. Später war Gisela Jockisch mit Eduard Zuckmayer, dem älteren Bruder Carl Zuckmayers liiert, dem sie gemeinsam mit ihrer Tochter ins türkische Exil folgte.